"Wirklich einfach war keine Expedition..." – dennoch ist Gerlinde Kaltenbrunner die erste Frau, die alle 14 Achttausender der Erde ohne zusätzlichen Sauerstoff bestiegen hat. Wir haben die beeindruckende Österreicherin als Interviewpartnerin gewinnen können.

Dabei hat sie vom Einstieg in die Extrem-Sportart des hochalpinen Bergsteigens und ihrer mentalen wie körperlichen Vorbereitung auf die Expeditionen erzählt.

Keller Sports: Gerlinde, du bist eine der besten Höhenbergsteigerinnen der Welt. Wie bist du zu diesem Sport gekommen?

Gerlinde Kaltenbrunner: Von klein an haben mich die Berge angezogen, mir Kraft und Energie gegeben. Mit dem Pfarrer unserer Heimatgemeinde, Dr. Erich Tischler, habe ich meine ersten Bergtouren unternommen, und dann mit 16 Jahren habe ich einen Vortrag über den K2 gesehen.
Damals kam der starke Wunsch auf, irgendwann einmal diese wunderschönen, hohen Berge in Natura zu sehen... und später der Gedanke, einen dieser ganz hohen Berge sogar einmal zu besteigen versuchen.
Keller Sports: Du hast bereits mit 23 Jahren den Vorgipfel des Broad Peak (8.027m) bestiegen und 1998 den Gipfel des Cho Oyu (8.201m) erreicht. Was war das für ein Gefühl?

Gerlinde Kaltenbrunner: Damals bei der Broad Peak Expedition war ich so sehr damit beschäftigt, alles richtig zu machen, - in großer Höhe bekommt jede ganz normale Handlung eine völlig andere Bedeutung. Ich habe schnell gelernt, dass ein auch nur noch so kleiner Fehler, fatale Auswirkungen haben kann.
Am Vorgipfel selbst war ich damals noch zu sehr angespannt, alles richtig zu machen. Erst zurück im Basislager überkam mich ganz tiefe Freude, auf dem Vorgipfel gestanden zu haben. Am Cho Oyu überkam mich am Gipfel tiefe Dankbarkeit und unbeschreibliche Freude ganz oben stehen zu dürfen,… mit unfassbaren Blick zum benachbarten Mount Everest.

Keller Sports: Nach dem Cho Oyu folgten weitere Expeditionen auf die höchsten Berge der Welt. Welcher war für dich der Anspruchsvollste? Und warum?

Gerlinde Kaltenbrunner: Das war der K2. Es ist der Achttausender, der mich im Laufe der vielen Jahre am meisten geprägt hat. Der mir auch die breiteste Palette an Erfahrungen bescherte. Viele wunderschöne Momente, ganz tolle positiven Erfahrungen, und auch sehr schwierige und traurige Momente.
Der K2 ist von allen Seiten sehr schwierig zu besteigen und die Stein- und Eisschlaggefahr immer erheblich. Erst bei meinem siebten Versuch konnte ich mit drei meiner Teamkollegen über den sehr selten begangenen und äußerst anspruchsvollen Nordpfeiler den Gipfel erreichen und vor allem kamen wir gemeinsam wieder gut und gesund ins Basislager zurück. Gerlinde Kaltenbruner Nuptse
Keller Sports: Und welche Expedition war für dich die "Einfachste"?

Gerlinde Kaltenbrunner: Allein durch die enorme Höhe und den damit verbundenen geringen Sauerstoffpartialdruck ist jeder Achttausender eine große Herausforderung. Wirklich einfach war keine Expedition.
Jeder Berg hat seinen ganz eigenen Charakter. Am problemlosesten verlief die Dhaulagiri Expedition 2008, nachdem im Jahr zuvor an diesem Berg vieles sehr, sehr schwierig verlief.

Keller Sports: Du bist ausgebildete Krankenschwester. Das ist sicherlich bei derartigen Bergtouren sehr nützlich, oder? Nicht nur in puncto Erste Hilfe, sondern z.B. auch, um in schwierigen Situationen Ruhe zu bewahren?

Gerlinde Kaltenbrunner: Mein erlernter Beruf kommt mir immer wieder sehr zu gute. Um einerseits Anderen zu helfen, andererseits haben mich die Erfahrungen aus der Krankenpflegezeit gelernt mit der Vergänglichkeit des Lebens besser umzugehen.
Um in schwierigen Situationen Ruhe zu bewahren, hilft mir meine Lebenseinstellung und verschiedene Methoden. Gerlinde Kaltenbrunner Dhaulagiri
Keller Sports: Gibt es dabei bestimmte Techniken oder Gedankengänge, mit denen du in schwierigen Momenten weiterhin die Kontrolle über deine Handlungen hast?

Gerlinde Kaltenbrunner: Um meine Konzentration, innere Ruhe und Gelassenheit zu stärken, meditiere ich in der Früh mind. 20 Minuten. Das hilft, um schwierige Situationen am Berg zu meistern. Zum Beispiel, wenn ich im Biwakzelt bei -40 Grad Celsius auf einem Felsvorsprung hockend übernachte.
Auch gehe ich vor jedem Gipfelgang im Basislager den gesamten Auf- und Abstieg im Geiste detailliert durch. Dabei stelle ich mir jede nur denkbare Situation vor. Wie ich all die sehr schwierigen Momente, die auf mich zukommen könnten meistere, und genauso stelle ich mir wunderschöne Augenblicke, wie Sonnenaufgang vor.
Erst wenn ich gedanklich die letzten Schritte zurück zum Basislager gemacht habe, bin ich für den realen Gipfelgang bereit.

Keller Sports: Für solche Herausforderungen in den Bergriesen muss man mental sowie körperlich extrem fit sein. Wie bereitest du dich auf Expeditionen vor? Helfen dir spezielle (Trainings-)Methoden oder Mittel, mit denen sich auch Nicht-Extremsportler gut auf ihre Bergtouren vorbereiten können?

Gerlinde Kaltenbrunner: Für die körperliche Vorbereitung trainiere ich intensiv und sehr abwechslungsreich im Ausdauer und Kraftausdauerbereich, jedoch ohne Trainingsplan. Wichtig war und ist mir immer, ganz und gar auf meinen Körper zu hören, zu spüren, was er gerade braucht oder nicht.
Meditation, Entspannung und die Ernährung spielen dabei eine sehr wichtige Rolle. Ebenso ist es mir sehr wichtig, mich immer mittels Imagination auf Unvorhersehbares bestmöglich vorzubereiten.
Neben der individuellen Vorbereitung bereiten wir uns auch im Team akribisch vor. Wir versuchen die Risiken bestmöglich abzuwägen und die Aufgaben Stärken orientiert zu verteilen.
Zudem sind Voraussetzungen wie Willenskraft, Disziplin, Geduld, Selbstreflektion, Ruhe und Gelassenheit bewahren in schier ausweglosen Situationen, ein respektvoller Umgang mit der Natur und die achtsame Begegnung mit ihr und das Wahrnehmen und Vertrauen auf die eigene Intuition unerlässlich, um immer wieder gut und gesund heim zu kehren, das für mich oberste Priorität hat. Diese Trainings-Methoden sind auch für jeden Nicht-Extremsportler sehr empfehlenswert! Gerlinde Kaltenbrunner K2
Keller Sports: Haben sich deine Trainingseinheiten im Vergleich zu früheren Vorbereitungen für das Bergsteigen verändert? Wenn ja, inwiefern?

Gerlinde Kaltenbrunner: Während meiner Zeit an den Achttausendern habe ich sehr, sehr intensiv trainiert. Körperliches Training ist auch heute noch in meinem täglichen Tagesablauf integriert. Genauso die Meditationen, gesunde, rein pflanzliche Ernährung und Yoga.

Keller Sports: Gab es neben all den erfolgreichen Besteigungen der Achttausender auch einmal Rückschläge und Misserfolge, die dich an deinem Leistungssport haben zweifeln lassen?

Gerlinde Kaltenbrunner: Gewachsen bin ich vor allem an den schwierigen Momenten. Eine Tour abzubrechen, habe ich nie als Rückschlag erlebt, da für mich die gesunde Rückkehr immer oberste Priorität hat.
Als mein Freund Fredrik Ericsson neben mir am K2 abstürzte, hatte ich das Gefühl, wirklich gescheitert zu sein. Es dauerte einige Zeit, dieses tragische Geschehen zu verarbeiten und anzunehmen. Gerlinde Kaltenbrunner K2 Zustieg
Keller Sports: Du hast alle 14 Achttausender Hauptgipfel ohne zusätzlichen Sauerstoff bestiegen - und gehst damit als erste Frau in die Geschichte des Bergsteigens ein. Fällt es dir nach solchen Erfolgen nun leichter, dir kleinere Ziele zu stecken und diese sicher zu erreichen? Warten nun noch weitere Herausforderungen und Expeditionen auf dich?

Gerlinde Kaltenbrunner: Für mich hat sich ein Lebenstraum erfüllt. Heute finde ich in vielen unterschiedlichen Bereichen und auch auf niedrigeren Bergen meine absolute Erfüllung. Obwohl die Achttausender Berge schon eine ganz einmalige Wirkung auf mich ausübten.
So weit weg, so abgeschieden, so reduziert auf das Minimum. Das ist es auch, was ich heute noch ganz besonders liebe. Immer wieder zu spüren, wie man mit ganz wenig etwas erreichen kann und wie zufrieden mich auch das macht.
Die meisten von uns sind im Alltag oft so überflutet mit Dingen und Möglichkeiten. Und dann ist es einfach ganz gut, alles wegzulassen und total reduziert zu sein. Ich mag das.

Keller Sports: Danke für deine Zeit und die interessanten Einblicke in deine Sportart. Alles Gute für die nächsten Expeditionen.

Das war das Interview mit der Extrem-Bergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner, die als erste Frau alle 14 Achttausender ohne zusätzlichen Sauerstoff besteigen konnte. Juckt es euch jetzt auch an den Füßen und ihr wollt raus in die Berge auf eine kleinere Wanderung oder größere Expedition?

Dann haben wir hier für euch eine Packliste, mit der ihr nichts vergessen werdet. Ihr könnt sie euch auch gerne runterladen und ausdrucken, um  alles abzuhaken, was ihr schon eingepackt habt. Rüstet euch aus, schnürt die Schuhe und los geht's.
Gerlinde Kaltenbrunner K2 Zustieg Cesenroute